„Der gefrorene Schrei“

 

 

Zeitlupenstudien ekstatischer Momente  #  Elena R. Graves im Gespräch mit Paul M Waschkau

 

Die Titel Ihrer dramatischen Texte TRAKT, Die Galeere der Kaltblüter, Das Fest der Schakale, hören sich ziem­lich ge­walttätig an. Die Untertitel - Zärtlich­keiten eines Bunsen­bren­ners, Schauerfeld­fragment, Die Anatomie einer Braut - nicht minder. Was treibt Sie zum Schreiben monströser Texte?

Zuerst und zuletzt geht es um die immateriellen Ele­mente des Lebens. Sehnsüchte. Dämmerzu­stände, Phantasie­stürze, Alb­traumzuckungen. Todesahnungen. Und in allen Le­bensformen, ob in der Liebe, in der Kunst, im Verbrechen, den Drogen, in Krieg oder Aufstand, suchen wir die transzendierte Form der Poesie. Eine Poesie, die uns zwischen den Absurditä­ten des Alltags, den Gemeinheiten und bösartigen Kon­flikten, wie ex­zessiv jene Situationen auch sein mögen, wahre Momente ent­spannter Schönheit schenkt.

 

Das Martyrium-Kapitel im archangelsk-buch empfinde ich wie spezielle Szenerien im "Fest der Schakale" eher als unerträg­liche Zumu­tungen. Wie leben Sie mit Ih­ren schwarzen Poesien?

Zugegeben. Selbst ich bin zuweilen einer dieser Mitternachts­zombies. In den Sphären unseres schattigen Daseins Schakal. Bruder des Blut­egels. Geierlunge. Hyänenherz. Fresse der Ver­achtung.

Man darf als Autor vor dem, was man schreibt, niemals zurückschrecken. Man darf sich nicht fragen, ob man Sze­nerien der Gewalt, Exzesse des Blutes, düstere Phantasien sich und der Welt, die schließlich eine große Schmerzarie ist, zumuten kann. Sollte ein Autor jemals For­men der Selbst­zensur betrei­ben, hat er be­reits verloren.

 

Die Uraufführung der "Galeere der Kaltblü­ter"1 soll fürs Pu­blikum eine extrem physi­sche Zumutung gewesen sein.

In Adolfo ASSORs GARN.Theater war es zu Spielzeiten der "GALEERE" immer sehr kalt. Eisigkalt. Das Thermometer zeigte bestenfalls 9o an. Das war eine Zu­schauertortur! Er hat das Stück obligato­risch­erweise nur im Win­ter ge­spielt. Die aufge­stellten Heiz­kör­per in seinem un­dergroun­digem Kellertheater waren nur Me­taphern, die beruhi­gen soll­ten, aber nicht funk­tionierten. Die Zu­schauer haben sich einen ab­gefroren. Aber das war nur konsequent. Und überhaupt bewun­dere ich die Konse­quenz sol­cher Einzelgänger wie Adolfo As­sor, der sein GARN.THEATER in­zwischen im 17.Jahr be­spielt. Ich glaube, man müßte ihn erschiessen, damit er aufhört, Theater zu spie­len.

 

Was fasziniert Sie an Killer?

Der kalkulierte Ausnahmezustand. Und zuwei­len ihre Kraft, nachdem sie ein großes Verbre­chen begangen haben, es eiskalt abzustreiten oder im Gegenteil, es eiskalt zu gestehen.

 

Weshalb keinen zeitnäheren Text über real­existierende Serien­killer, Amokläufer oder politische Massenmörder?

Solch ein Text würde von den Ereignissen des katastrophischen Draußen rasch überrollt. In der Zeit überdauern letztlich nur Dinge, die   au­ßerhalb von Zeit angesiedelt sind.

 

"Hyänenherz" ist Ihre 4.Uraufführung. Wie kam dieser "Chaotenmo­nolog" ins ORPH Theater, das sich die letzten Jahre doch eher auf Müller/Brecht spe­zialisiert hatte?

Ein langwieriger, auch schwieriger - zuletzt aber ein sehr leichtfüßi­ger Prozess, der nach dem Weggang von Susanne Tru­ckenbrodt auch mit Orientierungsveränderungen innerhalb des ORPH zu tun hat. Ein Prozess, der Entwick­lungszenarien der Annäherung2 beschreiben müßte.

In der Kurz­fassung lan­dete der "Traum eines Kamikaze­fliegers" auf Bestreben Uwe Schmie­ders im ORPH 2001 zum Festival neuer dra­mati­scher Texte "Schlag­werk/Orphischer Sa­lon"2, wo ich zu­sammen mit Schmieder eine ziemlich schräge textsezierende Per­formance präsen­tierte. Letztlich hat Schmieder an dem Text nie mehr los­gelassen und in seiner be­geis­tern­den Art nahezu alle jetzt Beteilig­ten über­zeugt, "Hyä­nenherz" in die Theaterwelt zu ka­tapultie­ren. Daß Hans-Werner Kroesinger für die In­szenierung gewon­nen wer­den konnte, war quasi das Bonbon des ersten NNU.

 

NNU? Hört sich an wie eine Partei.

Notwendiger Neuer Untergrund. Leicht formu­liert, ein von Schmieder ins Leben gerufener Theaterstammtisch, der vom Wil­len ge­prägt ist, die Notwendigkeit eines subkulturel­len Un­ter­grunds auszulo­ten und in der Folge auch um­zusetzen.

 

Verstehen Sie sich als Undergroundautor?

Nein, eigentlich nicht. Eher als Peripherer, Ab­seitiger. Als einer, der in den Zwischenzo­nen von Poesie und Theater agiert und dort Zeitlu­pen­studien ekstatischer Momente zu einem ge­fro­renen Schrei verdichtet.

 

In den "Theaterperipherien"3 oder den mehrbändigen "Stück-Werken"4 deutscher Dramatik der 90iger Jahre tauchen Sie selt­samerweise nicht auf.

Das liegt daran, daß ich die wahre Peripherie bin.

 

Man könnte leicht den Eindruck gewinnen, daß "Hyänenherz" un­ter dem Ein­fluss harter Drogen geschrieben sei.

Wenn man Kaffee, Nikotin und Whiskey zu den inspirationsein­flößenden Drogen zählt, dann ja. Aber im Grunde ist das ge­naue Gegen­teil der Fall. Der Text entstand aus der Kon­fronta­tion mei­ner großstädtischen Nervösität mit der langweilig de­pressiven Einöde und der hyper­realen Freundlich­keit im Gefan­genenlager der Schöp­pinger Kunststiftung. Dazu zählt - trotz aller Ge­gensätze - auch die überaus häss­lich monst­röse Schmerzland­schaft von LIMA in Peru, wo der "Traum eines Kami­kazeflie­gers" beendet wurde.

 

Scheint eher deprimierend denn inspirativ gewesen zu sein.

Es gibt eine Serie von Fotos, die ich im Zustand mor­gendlicher Verwahrlosung als Selbstpor­traits geschossen habe. Vor mir in Schleyer­ma­nier ein handgeschriebenes Schild mit dem Kom­men­tar: Gefangener der Kunststiftung Schöp­pingen: 3.Tag; 7.Tag usf. Ich sah darauf wirk­lich alt, verwahrlost und ge­foltert aus.

 

Das tip-magazin hat Sie einmal als be­kennenden Artaudfan be­zeichnet.
In­wieweit hat Artaud Einfluß auf Ihre dramati­schen Arbeiten?

Streng genommen keine. Ich bin auch kein Fan von Artaud. Ein Fan nimmt i.d.R. alle Ergüsse seines Idols zustimmungslos hin. Das liegt mir fern, sonst könnte ich gar nicht arbeiten. Mich begeistert viel mehr seine Unerreichbarkeit, die Absei­tigkeiten, seine Konsequenz in der Zer­fleischung des Selbst. Meine textsezierenden Artaudlesungen5 sind eher Versuche ei­ner An­näherung, um im Eintauchen der Texte ah­nungs­weise die Abgründe zu erspüren, die ihn umgaben.

 

Gibt es Vorbilder, die Ihr Schreiben beeinflußt haben?

Typische Frage. Sehr wenige. Wenn, dann eher kaum Bekannte. Nahezu Unbekannte, mit de­nen ich Ende der Achtziger zu noch Westberli­ner Zeiten die Zeitschrift für Notwehr und Phi­los­ophie MINERVA6 he­raus­gab. Ein echtes Undergroundprojekt, wie man sie heute kaum ­mehr findet, wo Literaturveranstaltun­gen zu Heiterkeitsses­sions mutieren. Enno P. Gram­berg7 zum Beispiel. Oder Harry Hass8. Das waren zu­mindest Experten im anarchi­schen Ge­brauch von Wörtern. Und Ge­nies auf dem Felde poesie-litera­rischer Rezitatio­nen. Da­ge­gen sind Verbrecherversamm­lun­gen, Poetry­slams oder Chausseen von Enthu­siasten nur laue Lüft­chen. Wenn tote Klas­siker, dann aller­höchstens Rimbaud. Pes­soa. Und Danielle Sar­réra!9 Diese Hei­lige der französi­schen Under­groundpoe­sie... die dann doch ein Mann war.

 

Seit einiger Zeit wirken Sie in anderen Pro­dukti­onen und nun in "Hyänenherz" auch als Dar­steller mit.
War das eine Auffüh­rungs­bedingung?

Nein. Ich sehe das eher als Fortentwicklung zu den dramati­schen Lesun­gen, die als Textper­for­mances zwischen Litera­tur und Theater funktio­nierten. Das hatte sich irgend­wann erschöpft. Nach der Uraufführung des Schau­erfeldfrag­men­tes "Die Galeere der Kalt­blü­ter" im GARN.THE­ATER wurde ich am oze­ani­schen Strand von Na­zaré/Portu­gal über­fall­ar­tig von dem Willen ge­trieben, selbst, allein, zu­nächst auf kleiner Bühne, mehr als nur eine bes­sere Lesung zu präsen­tie­ren und bear­beitete Textteile von Rim­bauds "Une sai­son en en­fer" zu einem Monolog unter dem Kapitelti­tel "Bö­ses Blut"10. Wieso ich dann in Ivan Stanevs "Villa dei Mi­steri"-Inszenie­rung mit Spielorten wie den So­phien­sälen und dem grandiosen "Théatre de la Bas­tille" in Paris landete, ist mir bis heute ein Rät­sel. Darstelle­risch war das eher ein Irrtum, re­giemä­ßig ein Fiasko.

 

Was erwarten Sie von einem Schauspieler?

Daß er weniger Schauspieler als Darsteller ist. Daß er be­stenfalls vergißt, daß er Schauspieler ist. Er oder sie sollte, wie Brutus in "Hyänen­herz", von der Sucht befallen sein, während der Arbeit sein Herz schlagen zu hören. Sich ver­ausgaben, selbst in den ruhigsten Momenten des Spiels oder der Sprache. Er muß da­her zu einem Athlet seiner Organe heran­reifen, dem der Puls zittert, dem das Blut in den Adern kocht, damit sein gesamtes inneres Nervenge­flecht vibriert. Erst dann wird er seine Arbeit als eine au­ßergewöhnliche, vielleicht sogar als eine gefährliche be­greifen.

 

Welche Mühen und Probleme sehen Sie bei der Umsetzung Ihrer dramatischen Texte?

Das ist ein grundsätzliches Problem, das mit Musik zu tun hat. Man muß die richtige Ton­spur finden. Man muß sich also auf die Suche nach dem richtigen Ton begeben. D.h. zuvor die Spur für den Ton aufspüren, die Spur ver­folgen, den Ton fin­den, ihn, den Ton, in sich einbrennen. Wird der richtige Ton nicht gefun­den, zerstört der Sprechende die Spra­che auf di­lettantische Weise, die natürlich auch auf ge­niale Weise zer­stört wer­den könnte. Es han­delt sich also um ei­nen sprach­künstleri­schen Hoch­seilakt, auf dem der Darstel­ler balancie­ren muß. Selbst wenn er scheinbar ganz ein­fach spricht, be­steht die stete Gefahr mit jedem Wort abzu­stürzen.

 

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Das Gespräch erschien erstmals 2003 im MATERIALHEFT zur URaufführung von paul m waschkau’s  Killer/Terrordrama HYÄNENHERZ.TRAUM EINES KAMIKAZEFLIEGERS im ORPH.THEATER BERLIN und war von 2003-2008 publiziert auf der Text- & Theoriesite  www.Lucid-Zoom.de.

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AnMerkungen zum Gespräch

1  Uraufführung von "Die Galeere der Kaltblüter" - GARN.THEATER Berlin 1998/1999; 44 Vorstellungen.

2  Paul M Waschkau im ORPHTHEATER

Autor & Darsteller von/in "Hyänenherz"; Inszenierung: Hans-Werner Kroesinger; ORPHTHEATER 2003 # Teil­nehmer und inzwischen Mitgestalter des NNU 2003 #

Darsteller im "Arsenik.Blüten.Projekt" nach Texten von Da­nielle Sarréra - 4/2003 # Textsezierende Performance von "Hyänenherz" zs. mit Uwe Schmieder - Festival neuer dramatischer Texte "Schlagwerk/Orphischer Salon" - 6/ 2001 # Lesung aus "Orphische Gesänge" von Dino Cam­pana zum 10jährigen des ORPHTHEATERs - 11/2000 # Buchpremiere des romantischen Fragments "archangelsk­/träume aus titan" - 9/1999 # Textdramati­sche Mitarbeit am gescheiterten "Pippa-Pro­jekt" Som­mer'99

3  Theaterperipherien; Konkursbuch 35; Hrsg. Hartmut Fischer; Konkursbuchverlag C.Gehrke, Tübingen 2001.

4 Stück-Werk, Arbeitsbücher über Autoren deutschspra­chiger Dramatik der 90iger Jahre; Hrsg. Theater der Zeit & Internationales Theaterinstitut

5  Textuelle Artaud-Sezierungen

"Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht wer­den!" - daLANDda-club 2002 / Ar­taud­festival im Kunsthaus Tacheles 1996 / Roter Salon der Volksbühne 1996 # "Schluß mit dem Gottesgericht" - Büro Artaud Berlin 1999 # "Van Gogh - Selbstmörder durch die Ge­sellschaft" - Kabinett "Die Kahle Sängerin" 1994 #

Super8filme nach Texten von Artaud

"Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht wer­den!" # "den körper meiner inneren nacht erweitern" - Pathos Trans­port Berlin 1997 & 1999

ARTAUD-CD: "Die Frage stellt sich" - CD-PRESS: www.Lucid-Zoom.de 2001

6 Die „Zeitschrift für Notwehr und Philosphie MINER­VA" erschien 1988-91 in einer Auflage von 1000 Ex. in Berlin-West.

7  Enno P. Gramberg; "Deutschlands größter Dichter" ver­starb im Januar 2000.

War 1990 auf Einladung zs. mit Paul M Waschkau, Olaf Arndt & Andreas Dury zu Le­sungen und Vorträgen in Lenin­grad.

8  Harry Hass - Autor von "Koko Metaller"; Ende der Achtziger Jahre im 20.Jh. Barkeeper im Ex&Pop.

9 Danielle Sarréra, Dichterin der "Arsenikblüten", die im Spätherbst unter dem Titel "ALASKA" von der Gruppe "Arsenik.Blüten" unter textueller Drama­turgie und Darstellung von paul m waschkau zs. mit Lilith Rud­hart & Anna Kullick zur Aufführung im ORPHTHEA­TER kommen wird. Mitte der 90iger Jahre wurde der My­thos um D.S. gesprengt, als bekannt wurde, daß Fréderic Tristan Autor der "Arsenikblüten" ist (fr.Originaltitel: Journal).

10 - "Böses Blut" nach Rimbaud; Büro Artaud Berlin 1998;

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