paul m waschkau >>> NACKTES LEBEN oder BEI LEBENDIGEM LEIBE

Monologisch Dramatische Komposition in 13 Gesängen

 

PathosTransportBerlin  #  ISSN 1433-4518  #  10437 Berlin  #  PathosTransport(at) gmx.net

 

 

Der Schmerz ist eine Leere, die nie mehr gefüllt werden kann.  #  Antonioni

 

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1. Die Überlebenden # 2. Körper.Zelle # 3. Klagen # 4. OPERATION I # 5. Judenmädel # 6. MARTYRIUM # 7. Europa Ende des 20.Jahrhunderts # 8. Oh  weh weh #
9. Bei lebendigem Leibe # 10. Zur Frage der Piraterie # 11. Archipel Gulag - Die Frau im Lager # 12 . OPERATION II # 13. Obwohl jedoch ungeheuerliche Dinge geschehen...

 

 

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Gekachelte Halle mit Anklängen an ein Versuchs-Labor.

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1. Die Überlebenden

 

Als ich an kam

war alles ruhig

Die Räume die Zellen die Trakte

Beherrscht von einem gespenstischen Schweigen

Allen hatte der Atem gestockt

Vor Angst sie stellten sich tot

 

Dann die ersten Geräusche

Ein säuselnder Hauch

Dann ein Rhythmus

Die Herzen sie schlugen

Ich konnte sie hören

Das Atmen das Stöhnen

Den schwach pochenden Puls

Die Erregung abgemagerter Körper

Halbnackt fast schon Skelette

 

Dann fielen Schüsse

Von einer auf die andere Sekunde

Krachten Genicke

Hingen die Hälse

Schlaff runter die Leiber

Sie sackten in sich zusammen

Ein Leben ausgehaucht in einer Sekunde

Überall Tote überall Opfer

Leichenberge an jeder Kreuzung

Schlachtfelder inmitten der Städte

 

Die Überlebenden

Sie häuten die Leichen

Hacken sich Arme Schenkel und Brust ab

Mit stumpf gewordenen Messern

Sie sterben vor Hunger

Sie wollen nicht sterben

Sie stieren sie gieren

Sie starren das Fleisch an

Sie essen es roh

Und sie schmatzen

Sie schmatzen

Sie schmatzen

 

Sie stieren im Schmatzen

Sie stieren ins Nichts

Sie stieren sie stieren

Sie stieren ins Nichts.

 

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2.  KÖRPER ZELLE TRAKT # Lager.Bericht 1 # Kameras; Vollraumlicht.


DURCHDRUNGEN / VOM LÄRM DES SCHWEIGENS / Von nasser LUFT / Gestank und EISESKälte /

Fieberwahn / HARRT IM KERKER AUSGE­MERGELT EIN KÖRPER / ER HÄLT MEI­NEN KOPF /

Über Jahre schon  / STARRE ich / UNAUFHÖR­LICH ins NICHTS / DEN BETON AN

 

WIE KANN ICH / KREBS Gicht VERFAULTE Haut / GLAUBEN / ABTRANSPORT meines LEICHNAMS

VOR JAH­REN / DAS HIRN ZUCKTE NOCH / WAS WIRKLICH IST

 

WEL­CHES RAUSCHEN / MEIN DENKEN TORKELT IM KREIS / Rasender SCHMERZ /

KRIECHT DURCHS NETZ IN DIESEN KOPF  DA AM TISCH EIN / ZISCHT AUS DER DECKE /

DAS MUSS / STAUB WIRBELT / Die wöchentliche Ration / FRISCHLUFT SEIN

 

ERSTICKEND IM VOLLRAUMLICHT / Und vollgedröhnt mit Musik / ÜBER­DENKE ICH / IST DAS

DIE PANIK DES ALPTRAUMS / DES IRR­SEINS / VERSTUMMT MEINE NEUE LAGE ALS TOTER /

MAN HAT MIR NÄMLICH DAS LEBEN GENOM­MEN / ZU­MINDEST / DAS BLEIBT FRAGLOS / BIN ICH EIN KRÜP­PEL

 

#

 

JETZT IM HOF NACH UNZÄHLIGEM KLIRREN DER SCHLÖSSER UND EINER TREIB­JAGD DURCH ENDLOSE GÄNGE / EIN SCHLAG / ICH SCHRIE / WAS FÜR EIN SCHREI / KRIECHE ICH nackt selbst bei Schnee und Eis UNTER AUFSICHT AB DEN RUNDGANG IN IMMERGLEICHEN KREISEN / HEUTE ZWEI­UNDZWANZIG MAL / EIN­STELLUNG DES RE­KORDS VON VOR DREI­ZEHN JAHREN / SO SCHLECHT ALSO / KANN MEIN ZUSTAND NICHT SEIN

 

DIE UNIFORMIER­TEN STAUNEN / Fotografieren / Rauchen / Zwingen mich An ihrer Seite zu posieren / oder / WERFEN MIR Hämische BEMERKUNGEN ZU / SIE SIND ZU DRITT / ICH krieche weiter / Als wäre es Arbeit / Die bezahlt wird / Als Lohn gibt es Suppe / Sie lachen / HÄ HÄ HÄ / WIR WOLLEN DICH TOT ABER LEBEN­DIG

 

Dann das VerhÖr / Dieselben Fragen / Dieselben Antworten / ICH SPÜRE WIE MEIN KOPF Im ENT­SETZEN vor ihren Methoden SICH SCHÜTTELT / AN­SCHWILLT UNTER DER HAUT / AUFGREIFT DEN SCHRECKEN FÜR EIN HÖCHSTMASS EINER VERLORENEN KONZENTRATION / Mein HASS / Wohin mit ihm / zerbrochen / DIE MÖG­LICHKEIT / UNAUFHÖRLICHES ÜBERDENKEN MEINER LAGE / ZUR FLUCHT / Einbildung / LÜGE / Und DASS ICH VIELLEICHT / TRAUM / DOCH NOCH LEBE / GEHT DIE GESELLSCHAFT NICHTS AN

 

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3. KLAGEN

 

EINS

Wasser Wasser

Wo nur wo

Gibt es Wasser

Wasser Wasser

Wo nur wo

Gibt es Wasser

usw.

 

ZWEI

Ich habe Hunger Ich habe Hunger Ich habe Hunger Ich habe Hunger Ich habe Hunger usw.

 

 

DREI

Durst 

Durst 

Durst 

usw.

 

VIER

Ich bin müde Ich bin so müde

Lasst mich schlafen Ich muss schlafen

Ich bin müde Ich bin so müde ..... usw.

 

 

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4. OPERATION I # Ruhe Bitte Nicht Stören Operation Läuft.

 

UNGESCHRIEENE SCHREIE. SCHLUCHZEN. ÄCHZEN. MASSEN MENSCHEN IN KÄFIGEN. BRUT STILL PLÄTZE MATERIAL UND

ZUWEILEN BRENNER BLITZE SCHWEISS IM SOUNDSYSTEM VON PRESSLUFTHAMMERKRACH & KREISSÄGENQUIETSCHEN.

 

Wissenschaftlerin auf­gelöst und heiter durchschreitet SIE... aus der Tiefe des Raumes kommend ... eine interessierte Besucherschar führend...  DAS LABOR.

 

... auf lange Sicht wohl, möchte ich sagen, haben wir ver­sucht, all die uns zur Verfü­gung stehen­den Mittel Möglichkei­ten auszu­schöpfen und zum größten Teil, wie Sie se­hen, ist es uns gelun­gen, wo die Verfor­mungen der Ungleichmäßigkeiten und des Potenti­als, schauen Sie sich um, bereits einen unvor­stellbaren Fortschritt hinter sich hat­ten, der kaum mehr, die Zeit rannte gegen uns, aufzuholen schien, hätten wir nicht den Reanimierungsfaktor, ich schätze, Sie sind infor­miert, bis ins kleinste Détail perfektioniert, und so kann, wie es zeitkritische Köpfe gele­gent­lich probie­ren, von Verbrechen, das macht mich wirk­lich schmunzeln, gar die Rede nicht mehr sein. Es wäre darum voll­kommen falsch zu sagen, dass wir sie ein­zig aus Grün­den neu­rotischer Reakti­onsbilder, die wir aus ihren genbildlichen Abläufen haben ablesen können, erinnern Sie die La­boraufnahmen, wochen monate manchmal doch ja jahre­lang in kör­perengste Zellen zwängen, wenn sie es überhaupt durch­stehen, aber ich kann Sie beruhigen, die mei­sten, also das Gros, ster­ben ohne unseren äußeren Einfluss vorher, halten es, was wir als bedauer­lichen aber zwangs­läufigen Ausschuss hinneh­men müs­sen, nicht durch, wenn wir ihnen, in der Regel versu­chen wir dies zu vermeiden, keine Beruhi­gungsspritze geben, was aber alles, wie Sie wissen, gesetzlich geregelt ist. Die Frage, warum wir sie überhaupt in die­sen Zellen halten und nicht frei her­umlaufen lassen, ist berechtigt. Nun ja denn, wir hal­ten sie, natür­lich gibt es Aus­nahmen, natür­lich, deshalb so eng und knapp, die begrenz­ten Räum­lichkeiten, das alte Pro­blem, Sie verste­hen, nicht ausreichendes Aufsichts­per­sonal, Mittelkürzungen, eine Schande, um ihnen den allen angebo­renen Zwang des Bewe­gungs­wil­lens wenigstens einigermaßen kon­sequent abzuge­wöhnen und auszu­treiben, auch weil sie nach dem er­sten Versuchs­durchlauf hochgradig an­steckend sind, folglich eine Vor­sichts­maß­nahme. An­dere Methoden hingegen haben sich, wo uns ihr kleinstes Zappeln und Zucken zu­wi­der war und zudem den Erfolg der Experimente behinderte, für die The­rapie Diagnos­tik längst als denkbar einfach erwie­sen, wir gie­ßen ihnen Gipspanzer um, allerdings, jaja, muss ich zu meinem Be­dauern feststel­len, dass wir es trotz erstklas­sigster Apparaturen im­mer noch nicht ge­schafft haben, be­stimmte Le­bensmechanismen vollkom­men also einhundert­prozentig auszu­schalten. Noch immer müssen wir ih­nen, zwangsläufig, eine wirklich unange­nehme Arbeit, die mit Sonderurlaub ausgezeichnet wird, damit sie nicht schreien oder gar bei­ßen, Stimm­bänder kappen, Münder zunähen, selten reicht ein Zungenabschnitt. Eine ganze Versuchs­gruppe junger Forscher ist da­mit vertraut, ih­nen die Mä­gen zu verät­zen, die Augen die Haut. Eine Infektion mit Krank­heitserre­gern, die sie, das garantiert die Besonderheit dieser Ver­suchs­anord­nungen, mit Sicherheit nie von selbst be­kämen, wird lei­der immer noch manuell ar­rangiert, da­für, glau­ben Sie mir, sind die Er­gebnisse um so außerordent­licher. Darüber hinaus füh­ren wir spezielle Nerven­gifte, die sie zu­meist in den Wahnsinn treiben, an­dere in schier unbe­schreib­liche Krämpfe und so ist, gestehe ich, einmal rein menschlich gesehen, der Tod doch ein Glück, insbesondere für eine klei­ne, körperlich kraftvolle Gruppe, denen wir langwie­rig wirkende Schmerzsub­stanzen einimp­fen, um endlich und zuguterletzt doch noch einen unserer kleinen Er­folge zu erzielen...

 

Fortsetzung >>> OPERATION.2

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5. JUDENMÄDEL

 ......................................................................... Konzert als InterMezzo # So­cialdeath Overture  spielt Throbbing Gristle’s JudenMädel > > >   Deutsche Kurzversion zitiert nach AMOK/KOMA

 

 

Bin nur ein kleines Judenmädel
Habe keine Kleider an
Und hätt ich einen Hammer
Dann schlüg ich dir die Zähne ein

Wenn ich mit dir zur Kammer geh
Bleib ich lachend draußen stehn
Und hätt ich etwas Leder
Versohlt ich Dir den Arsch

Bin nur ein kleines Judenmädel
Habe keine Kleider an
Und hätt ich bessere Manieren
Würd ich dem Aufruf trotzen
Ich ließ die anderen in der Kammer
sich bis zur Decke stapeln

Und wenn ich Stiefel lecke
hab ich keine Kleider an

Bin nur ein kleines Judenmädel
Ein armes, kleines Judenmädel
Habe keine Kleider an
Und in Gedanken seh ich euch
Mit all eueren Kleidern an.

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6.

Martyrium

ein Film in Worten

 

Verwundungen

Also Mord

Amputationen

Zerstückelungen Blutströme Geschrei

Ausweidungen Spritzen

Abgerissene Glieder und Köpfe

Geschlachtete Kinder

Instrumenteller Wahrheitszwang

Kettengerassel und Maschinenangriffe

Die Kritik der reinen Vernunft
Elektroschocktherapien

selbsternannter Mediziner Heilpraktiker Professoren
Zahnärzte in der Praxis des Potentials

Wurzelspitzenresektionen

eins zwei und drei

Die Phänomenologie des Geistes

Eisige Kälten in überfüllten Gefangenenlagern

Seuchen Hunger Gemetzel Hass GrÄuel Torturen

Monstrosi­täten

Totale Trakt Geräuschlosigkeiten
Aufgerissene Augen und aufgerissene Münder
Affenversuche Ja

Rattenversuche Ja

Katzenversuche Ja

Menschenversuche Ja
Durchschnittene Stimmbänder Kehlkopfschnitte
Heißbäder und Eisbäder

Gas Geschütze
Abgeschnittene Zungen und zugenähte Münder

All die Zärtlichkeiten eines Bunsenbrenners
Vergewaltigungen selbstverständlich

Vielfache Schändungen und Demütigungen

Massenvergewal­tigungen von Angeketteten Nackten Gefangenen Frauen

Kna­ben & Mädchen Unter Aufsicht der Mutter des Vaters der Brüder und

Schwestern der Freunde DER Freundin­nen DER Liebhaber und Liebha­berinnen

Auspeitschungen Knebelungen Hängun­gen

Die Glut im Blut von Zigaretten

Ein Feuerzeug unter Brustspitzen weiblich
Zwei Elektroden an Hoden männlich
Hauteinschreibungen der Strafe

Auf schneeweißer Haut

Himmlischer Frieden

Sein und Zeit

Undsoweiter

. . .

 

 

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7.  Europa Ende des 20.Jahrhunderts

 

Lager.bericht 2 # Omarska bei Kosarac. Eine Zeugenaussage. >>> Ramo spricht.

 

Es war eine Halle beim alten Berg­werk. Über Wochen 200 Gefangene ge­quetscht auf 70 m2. Nackter Bo­den.

Nasse Wände und nur ein Fäkalieneimer.  Mit mir waren Freunde aus dem Dorf und Verwandte.

 

Jeden Tag kamen sie, um sich einige zum Verhör rauszugreifen. Das geschah willkürlich und ohne erkennbaren Sinn. Einzelne oder ganze Familien. Frauen und ihre Männer, Männer und ihre Frauen. Am schlimmsten war es für die Jungen, für die Schönen, für die Mädchen. Sie haben mit ihnen gemacht, wonach ihnen gerade war. Oft im Beisein der Männer, ihrer Väter, ihrer Mütter. Das war ein Prinzip.

 

Eines Nachmittags holten sie Eno. Sie holten Emir. Sie hol­ten Emin.

Dusko gab die Be­fehle. Dusko war eigentlich immer dabei. Er lachte.

Er lachte ununterbrochen. Er hatte sich ein neues Spiel ausgedacht.

 

Dusko befahl, Eno Emir und Emin in eine Grube voll von Moto­renöl zu werfen. Sie wehrten sich, aber sie hatten überhaupt keine Chance. In der Grube stopfte man ih­nen Wagen­schmiere in den Mund und nähte ihre Münder mit Draht zu. Trotz­dem schrieen die Männer und wie. Ihre Schreie höre ich noch heute. Dann griffen sich die Männer Jasmin, rissen ihr die Kleider vom Leib, benutzten sie zu dritt, zu viert, zu fünft und warfen sie ebenfalls in die Grube. Lachend und mit der Pistole im Nacken zwang man sie , den anderen die Ho­den abzu­beißen.

 

 

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8. CHOR NACKTER LEIBER

Oh weh weh

Oh weh weh

Mein körper

Oh weh weh

mein leben

Oh weh weh

mein nacktes leben

Oh weh weh

wo soll ich LEBEN

Oh weh weh

wohin ich geh

Oh weh weh

überall ÜBERALL

Oh weh weh

TRAKTE Maschinen Fabriken

Oh weh weh

in denen Menschenfleisch
Oh weh weh

in Konserven verpackt wird

Oh weh weh

Körper zu Zeitschachteln verschnürt

Oh weh weh

Buchstaben aus Gesetzen

Oh weh weh

in hautZellen eingeschrieben

Oh weh weh

Sogar in Europa europa europa

Oh weh weh

da wo die Blutströme
Oh weh weh

in den Schlafadern

Oh weh weh

nur so rauschen

Oh weh weh

Oh weh weh

Oh weh weh

 

 

 

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9. Bei lebendigem Leibe # Sound klinischer Apparaturen; schwer atmender Mensch

 

Ich liege nun schon seit Wochen, fast ohne zu at­men, an einem einsamen Ort. Maschinen haben meine Lebensfunktio­nen übernommen. Er­nährung Verdau­ung Herzrhythmusausgleich. _____Wenn ich nur ein organloser Mensch wäre Mensch wäre Mensch wäre! __________ Das Blut wird von ei­ner Ma­schine, die sich mir all­morgendlich mit Nummer 9 vor­stellt, durch meine Kör­pervenen ge­pumpt. Künst­liche Nieren und eine Schweinsleber rei­nigen es alle drei Stunden. Ich bin nach diesem Zusammen­prall mit einer Maschine nur noch ein Stumpf also ein Torso und, weil ich ab­wärts des Halses auch kein Gefühl mehr habe, von meinem eigentli­chen Körper 100%ig be­freit. So erst kann wahre Erkenntnis be­gin­nen, die gereinigte Schau von Vergangen­heit, Ge­genwart, Zukunft. Ich lasse mir mor­gens, mit­tags und abends die Kritik der reinen Vernunft von einem elfjäh­ri­gen Mäd­chen in weißen Strüm­pfen vorle­sen. Wir kom­men sehr gut vor­an. Sehr sehr gut voran. Doch wenn sie fort ist, arbeiten die Ma­schi­nen schon nach weni­gen Minu­ten mit zunehmender Fehlerfunk­tion, set­zen zu­weilen voll­ständig aus. Mein Körper läuft dann blau an, ich kann das sehen. Das Herz schlägt im Mi­nu­tenab­stand, Ma­schine 3 sagt das durch, mein Gehirn ist Sekunden­schocks ausge­setzt. Dann lebe ich die Le­ben unserer Ururahnen nach. Das eines Blattes, ei­nes Einzellers, die Geburt des Kaltblü­ters. Erst wenn das Mädchen zurückkommt, funk­tio­nie­ren alle Maschinen wieder normal. Nach­dem wir die Vor­rede zur Kritik der rei­nen Vernunft durchge­arbeitet hat­ten, sprach sie: Dieser Imma­nuel. Dieser Immanuel ist ganz schön ver­rückt. Ist dieser Raum für uns beide nicht ganz au­ßer­halb je­der Zeit und wir, du und ich, Rei­sende über­haupt. Raumrei­sende. Zeit­rei­sende. Das Le­ben eines dieser Bom­ber, in de­nen wir auf ei­nem Schleu­dersitz ange­schnallt durch die Geschehnisse sausen?

 

Ja, ja. All diese Reisen. Diese atemberaubenden Reisen über weite Seen inmitten von Stürmen und großen Gewit­tern zwischen verlo­ckenden Nymphen, Gesängen, Klippen und ge­fährlichen Felsen, die ih­ren Standort ganz plötz­lich verschieben, damit jedes Leben mög­lichst splitternd daran zerschelle...

 

 

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10.  ZUR FRAGE DER PIRATERIE

 

Schon kurz nach meinem Besuch der Berufsbe­ratungsstelle bei der Arbeitsagentur IV habe ich mich in meiner Wahl für die Pirate­rie ent­schie­den. Natürlich, sprach der Kundenberater in gewähl­ten Worten zu mir, dass auch auf diesem Ge­biet die Stellen knapp seien und das Berufsrisiko nicht zu unterschät­zen. Aber schließlich sei ein je­der sei­nes Glückes Schmied und wo er könne, würde er mich unterstützen, meine Motivation gefalle ihm sehr. Jedoch sei für den Beruf des Piraten keine Ju­gend im Alter not­wendig, nur Kühle und Jugend im menschlichen Hass. Ich spürte meine Be­ru­fung. Die Aus­sicht, einmal an der systematischen Schändung von Menschen teilzuhaben, lockte mich an. Der Lohn erschien mir gar nicht wichtig. Allein das vor meinen Augen erstrahlende Bild, ei­ne ge­knebelte Nackte wie eine Sache mein Eigen zu nennen, sie im Winseln von Angststöhnen zu benutzen, ihr zuletzt meinen ihren Leib zerfetzenden Dolch ins zitternde Fleisch hin­ein und hinauszujagen, schien mir einen Jah­res­lohn wert. Denn ich war krank vom gleich­för­migen Grau unserer Städte. Vom Kadaver­gestank der Ein­kaufspassagen. Vom Farben­müll, der meine Au­gen zerblin­dete.

 

Mit aufgestauter Lust und rasender Wut über die Gleichgültigkeit all jener oben genannten human beeings meiner Umgebung bezüglich des unfassbaren Elends der Welt, des Hungers, der Kriege wollte ich endlich echte menschli­che Qualen ernten. In die Hautporen der anderen hin­ein­brüllen und ih­nen ihren letzten Funken Hoff­nung ausblasen, damit sie mich anbeten und feiern als Herr ihres Lebens, das ich ihnen schenke oder ihnen entreiße.

 

Warum ich nicht Schänder in den Zeitfab­riken un­seres Staates geworden bin?

 

Gute Frage. Ich bewarb mich natürlich. Legte meinen mit Aus­zeichnung bestandenen Hasstest des Jobcenters und andere Urkunden, die mir meine Befähigung in der Abrichtung des Men­schen bestätigten, bei. Und stellte Ar­beits­bedingungen. Schrieb meine Lohnvor­stellungen ins Bewerbungsgesuch. Skizzierte gesellschaftliche Visionen.

 

Heute weiß ich. Der Kanzler fürchtete meine Offenheit. Zwar war man von meinen Qualitäten über­zeugt und sagte mir eine große Karriere vor­aus. Bot mir sofort den Präsidentenposten ei­ner Hochsicherungsanstalt an. Aber, das war die Be­dingung: Alles hätte farblos ablaufen müs­sen. Die Schändereien, die täg­lich routi­nemäßig gesche­hen, durften nicht sichtbar werden. Unter keinen Um­ständen durf­te Blut fließen. Kein Sturm durchs Ge­bälk zie­hen, wovon man draußen Wind bekäme... zumindest in unserem Land nicht.

 

Also, ich hätte mich gelangweilt. Doch ich konnte, würde ich in geheimer Mission die Gewässer vor den Grenzen Europas unsicher machen, auf denen fremde unerwünschte Menschenmassen zu uns flüchten, mit groß­zü­gigen Subven­tionen rechnen. So rüstete man meine Privat­piraterie mit bestem Material aus. Schänder und Schlächter auf eigene Faust ließ man mir mei­ne Lustgier, in juc­kenden Wunden zu kratzen. Damit die nicht verhei­len. Blut spuckend eitrig bleiben. Und als Gefahrenquelle dauerhaft brodelt.

 

Die Re­gierungen schätzen ja das Ver­sprühen von Angstjauche,

die die Körper zum Zucken und Tanzen bringe, die man dann

zur Abschreckung aller subtil durch die Nachrichten laufen lässt.

 

Schon vor Fahrtbeginn ka­men mir die Bilder und Schmer­zensschreie im Genital hoch. Die Glut im Blut endlich im asch­fahlen Fleisch hilfloser Krea­turen meine Ziga­retten ausdrücken zu dürfen, die ich zuvor gar nicht rauchte. Wirkliche Schreie, statt nur das erstickende taube Gewinsel in den Warteschlan­gen der To­desanstalten zu hö­ren. Wie meine Ohren juck­ten! Man gestattete mir, fern des Nebels Herr aller Er­oberungen zu sein. Klei­ner unbedeu­tender zwar nur, selten war damit eine Weltöffent­lichkeit zu erringen, aber fleisch­licher Eroberungen. Die Gewässer und Gebiete dafür waren schnell aus­gemacht, sozu­sagen über die Sender und Satelliten zu studieren. Vollkom­men ge­büh­renfrei. Meine Crew brauchte nicht lan­ge zu suchen, wir wurden fündig, wenn wir es brauchten. Und schließ­lich stach unser Schiff in See...

 

 

 

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11.  Lager.Bericht 3 # Archipel Gulag

frei konzentriert nach Alexander Solschenizyn

 

Die Frau im Lager.

Als Weib hat sie ihren Leib an der Eingangstür abzugeben.

Wir sehen ihre Ankunft. Die Empfangsprozedur.

Der Schock über den ersten Befehl, der „ausziehen“ heißt.

Kopf, Achsel- & Schamhaarrasur. Die Auslieferung an die Männer.

Die Begutachtung ihres Leibes und die Musterung nach sexueller Verfügbarkeit. 

Die Prüfung des Weibes wie eine Ware und

die Verteilung der Ware unters Wachpersonal.

 

Dann folgt die Einweisung in die Baracke der Frauen.

Das Erkennen der Lage, des Elends. Wo Hunderte hausen

im Schmutz zwischen Dreck Fäkalien und unbeschreiblichem Gestank.

Unmöglich sich anständig sauber zu halten.

Unmöglich Kleider zu waschen oder das Bett.

 

Es folgt, was folgen muss.

Am schlimmsten für die, die jung sind und schön.

Ein hübsches Gesicht - ein Geschenk der Hölle - im Lager ein Fluch.

Die Frau wird dort zu einem für alle verfügbaren Körper.

Zuweilen allein nur für einen in der Ordnung höher stehenden Mann.

Sich wehren ist sinnlos, sonst wird sie zur Beute gieriger Horden.

Zur Beute sogar für die Schar wilder Jungen, die im Zuschauen

aufgepeitscht sich nicht nur erregen, sondern Blut geleckt haben.

Und vor Lust bebend sich die Leiber der Weiber ungefragt nehmen.

Vor den Augen von allen. Allzeit benutzbar für alle für jeden.

 

Die Frau im Lager hat ihren Leib und ihr Leben

an der Eingangstür abzugeben.

 

 

 

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12. OPERATION II  #  Ruhe Bitte Nicht Stören Operation Läuft.

 

WISSENSCHAFTLERin ... da stoßen wir endlich auf die Expe­rimentiergrup­pe, die über­wiegend mit der Hirnimplantation von Elek­troden beschäf­tigt ist, um dem Ver­suchsmaterial Stromstöße jeder Stärke in alle ihnen nur vorstell­ba­ren Lebensfunktionen hineinzuja­gen, al­lerdings, hier war übrigens eine Sondergenehmigung erforder­lich, aller­dings, wie gesagt, nur kurz bis zum Exodus, weil der Tod, selbst wenn ich vorhin von Glück sprach, grundsätz­lich unerwünscht ist und wie wir meinen auch keine Lösung. Ich muss gestehen, Ihre Bedenken von vorhin ma­chen gerade mir als der Direkto­rin am meisten zu schaffen, wo Sie kritisier­ten, dass die Versuche, in denen wir einer Extra­auswahl von Probanden die Knochen bis auf den letzten zer­trümmern, sie in Eisbäder werfen oder in Hitzekam­mern stec­ken, nur gelegentlich werden sie ver­brüht verbrannt ver­kocht, eher primi­tiver Natur sind, da ha­ben Sie sicherlich recht, aller­dings müssen Sie, Verzeihung wer hatte diesen Einwand vorgebracht, ah ja Sie, also Sie müssen sollten diese Ausnahmefälle als teil eines Experimen­tierfeldes an­sehen, womit ein jeder einmal anzufangen hat, um sich bei uns ein­zugewöhnen, weil, darin liegt prak­tisch eine ge­wisse Er­ziehungsab­sicht, die wir uns bemühen zu fundie­ren. Sie ha­ben recht. Wir haben aus den da­maligen Tier­versuchen Ungeheures gelernt, aber lei­der leider ist die An­zahl der Primaten, mit denen einst und schließ­lich ausgezeichnete Ergeb­nisse er­zielt wurden, gleichwo auf ein un­sägliches Minimum geschrumpft, ich bin mir nicht einmal si­cher, ob es sie über­haupt noch irgend­wo gibt, wirk­lich wirklich nied­liche Tier­chen. Aber dafür, Sie lä­cheln, ist das Material, mit dem wir hier jetzt schon einige Jährchen arbeiten und ein Ende ist zunächst nicht in Sicht, fast unerschöpf­lich, wir brau­chen uns, was das Versuchspo­ten­tial betrifft, wirklich nicht die Spur einer Sorge zu ma­chen, nicht ein­mal obwohl in Übersee und auf dem Konti­nent, zumindest in unse­ren befreundeten Staaten, giganti­sche Groß­experimentierzentren ge­schaffen wor­den sind, deren Nutzen für die allgemeine Allgemeinheit nicht hoch genug einge­schätzt wer­den kann. Trotzdem bitte ich Sie, drau­ßen, wir nennen üb­rigens hier im Kern des Zentrums, wie Sie schon bemerkt haben wer­den, keine Namen, nun bitte, draußen nicht zu ausführlich, Sie ver­stehen sicher­lich, hihihi, es gibt hier und da noch ein paar Bewegungen, die unbe­deutend zwar und un­wichtig im Grunde, denen es trotzdem immer wieder gelingt, sich öffentlich mit den infamsten Lügen über unser Projekt im Rampenlicht zu positionieren und da man nie weiß, was noch kommt oder wie in Zukunft die Geschichte verdreht wird, lassen wir im Innern Vorsicht walten. Wir sind längst dabei die­ser ab­sichtlichen ungeheuren Ver­wüstung und Durchkreuzung von durchweg anerkannten Rege­lungen Ver­ordnungen Bestimmungen, die unsere Arbeit, die wir... hmmmhhh... für ein bestimmtes gesellschaftliches Wohl uner­müdlich leisten sichern schät­zen fördern, ein Ende zu be­reiten, wol­len wir es nicht vermeiden, einen Rückfall zu erleiden, weil die Ord­nung und das System und eben un­ser Auftrag für diese Ord­nung und der damit einhergehenden Sicherung des Systems  es sich nicht länger erlauben dürfen, das anvisierte Ziel auf ir­gendeine Weise zu verfehlen, da die Errei­chung des Zieles höchste Priorität im Sinne unseres Auftra­ges zukommt, nun ja, wir sprachen ja gerade darüber...

 

 

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13.

Obwohl jedoch ungeheuerliche Dinge geschehen
Wir sehen den Geschehnissen ruhig zu
Bis dass die Augen flackern
Bis die Knochen sich verbiegen

Bis das zarte Fühlen hart erstarrt
Bis die schwarzen Herzen gelb erleuchten
Bis wir jaulen

Ich bin die Pepsi Cola
Bis wir jammern

Gib mir mein Spielzeug wieder

Bis wir durchsetzt von Angst bereit sind

Auf den Knien zu kriechen

Und die Blutströme

In den Schlafadern

Nur so rauschen.

 

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FIN >>> Maria Zerfall singt: Dass der Mensch existiert ist ein Todesurteil.

 

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NACHBEMERKUNG

Die DRAMATISCHE KOMPOSITION NACKTES LEBEN - oder - BEI LEBENDIGEM LEIBE wurde bei den Autorentheatertagen Würzburg 2011 mit dem Leonhard-Frank-Preis ausgezeichnet, der von der philosophischen Begrifflichkeit NACKTES LEBEN des italienischen Philosophen Giorgio Agamben geprägt war.

 

In 13 Fragmenten umkreist sie ein monströses Martyrium menschlichen Daseins wie ein grausiges Schauerfeld. Als Komposition aus Poesien, Ein-Satz-Klagen, Zeugenaussagen, Monologen mit konzertanten Gesängen und Filmen aus Worten, seziert sie zwischen Kliniken und Arbeitsagenturen, Lagerstationen in Kriegskrisen und Diktaturen gulagartige Landschaften ungeheuerlicher Geschehnisse und Methoden, in der DER Mensch als fühlendes Wesen – ausgelöscht degradiert ignoriert – zum lebendigen Experimentierfeld vielfältigster Behandlungsformen wird. Allein die auf der Basis von Massentierhaltungen und medizinischen Versuchsanordnungen erschriebene Szenerie OPERATION OPERATION beschreibt als transformiertes Konzentrat den Ausnahmezustand als Regelzustand, in der der Mensch zur frei verfügbaren Biomasse wird. Dabei erweist sich das Lachen der Handelnden im scheinbar normalen Dazwischen von Unerträglichkeiten oft als das eigentliche Grauen, das in der Wirklichkeit dem Martyrium eines bestialischen Höllenkreises ähnelt.

 

Es geht hier aber nicht um sommerliche FreiKörperKultur sondern um brutalste Menschenrechtsverletzungen. Giorgio Agamben thematisiert seit Jahren– ua. in seinem Werk HOMER SACER - auf politisch brisante Weise das NACKTE LEBEN , das bar jeden rechtlichen Schutzes durch Ausnahmezustände erzeugt wird, in der das vormals noch gesetzlich geschützte Leben radikal entrechtet wird. So stehen für  Agamben Gulags & KZs, in denen der Mensch - aus dem Konzept der Menschlichkeit verdrängt - zur Be-Nutzung wie zur ungestraften Tötung frei gegeben wird, als exemplarische Stätten NACKTEN LEBENs ebenso wie Flüchtlings- Abschiebe- & Gefangenenlager à la Guantanamo oder dem Open Air Gefängnis Gaza, in denen Millionen von Menschen –beraubt aller Menschenrechte - nackt leben.

 

Die juristische Umdefinierung von Staatenlosen zu Illegalen, von Feinden & Aufständischen zu "unlawful combatants" und ihre gezielte Ausgrenzung aus dem Humanitären Völkerrecht entwickelt sich auf höchst bedenkliche Weise zu einer politischen Praxis der Moderne. Der Ausnahmezustand wird mehr und mehr als Regelzustand manifestiert, der die Existenz der Institutionen eher zu verteidigen bereit ist, als die Würde des Menschen.

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paul m waschkau 2011

 

 

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