Olga Zaks

 

AN ALLE!

Nur wenige von euch kennen ihre eigenen In­spira­teure, geistigen Väter, Mütter und Götter. Denn so wie ande­re unwissend und in dumpfer Ak­zeptanz vor den Symbolen und Personen ihrer Identifizierungen stehen und dumm glotzen, so steht nun Ihr hier selbst davor. Weil Ihr anwesend seid. Anwesen­de auf dem Gipfel der Anwesenheit. Ätheriker, In­spiranten, Kinder des Todes.

 

Children of Death

 

Wie ein Stammbaum der Nichtigkeit zieht sich die Dumpfheit der Kultifizierung von Genera­tion zu Generation und kennt nur ein Ziel: zu schlafen. Sie erklären den Schlaf für heilig, um gut ausge­ruht im Nebel belangloser Inspiratio­nen und dem unfehlba­ren Ge­ruchssinn der Selbstbefindlichkeit vor sich hinzudämmern. Und auf den Stirnwänden der Zeit, Eurer Zeit, dämmert ihnen der Ein­fall, der sich sofort und unmittelbar konkretisieren läßt, damit er in perma­nenter öffentlicher Wiederholung musealisiert werde, selbst wenn sich der winzigste Akzent der Präsentation mit je­der Wie­der­ho­lung etwas ändert wie das kleine darstellerische Update einer euch im Halb­schlaf der Tage als göttliche Eingebung zuge­fallenen Leier.

Ihr werft um euch mit Aspekten und Zuckun­gen der Nichtigkeit, wie sper­moide Spritzer, die viel­leicht jemand aufleckt, um Eurer Fruchtbarkeit ei­nen besonderen Geschmack zu bescheinigen. Ir­gendein Kind wird schon da­bei herauskommen, wenn die großen Häuser zum Auftritt rufen und die He­bam­men der In­terpretation die Wehen der Kunstgeburten einleiten. Ihr müßt nur auf eine der so zahlreich brachliegenden Bretter herumtanzen und einen als Kunst geadelten Räusper in die Gehörgange, in irgendeine Leere, in irgend­eine Gebärmutter sprit­zen, dann könnt auch Ihr später sagen: Wir sind dabei gewesen.

 

Metaphorisch akzentuiert wiederholt Ihr ir­gendeinen gerade aufge­schnappten Satz, um euch als deren Schamane aus­zuweisen, wie­derholt alles, sobald euch sonst nichts mehr einfällt, um den An­wesenden euren unfehlba­ren Instinkt zu bewei­sen. Dabei mutet es an, als wollte man einem toten, aus­geweideten Kör­per einige tief aus seinem In­neren kommen­de Gesten entlocken, um seiner Leere eine Bedeutung abzugewinnen, statt es dabei zu belas­sen, daß sich an dieser Stelle nichts mehr befindet.

 

Während Ihr euch im Dunkel eurer Pseudo­nyme und Masken zu Heiligen des Schattens erklärt, sucht Ihr zugleich gierig das Rampen­licht auf, um dort als Person aner­kannt und gefeiert zu wer­den, mit der Ihr eure ruhmhung­rige Seele identifiziert. Eure Kunst besteht bloß aus den durch die Länge der Zeit sich zwangsläufig einstellenden Gebur­ten einer Jahrtausendbrutstelle, die Ihr mit der angebo­renen und ungeheuren Geduld eures Seins be­brü­tet. Die Zeit läuft für euch und wenn man nur lange genug brütet, werden schon ein paar Junge aus den gelegten Eiern der gutge­meinten schöpferischen Absichten schlüpfen. Eure Offenheit, die ganz enorm zu sein scheint, so­bald Ihr eure Wohnung verlasst, ist ein Witz. Ihr seid längst auf immer ver­wachsen mit den we­nigen lichten Momen­ten, die den Grauzo­nen eurer Hirndäm­me­rungen ent­sprungen sind, wie jemand, der Zeit und Nichts genug hat, eine Stelle jahr­hunder­te­lang zu bebrüten, damit alle zehn Jahre ein Junges ent­schlüpft, das Ihr in einen Stahlkäfig sperrt, damit es euch nie­mals entfliegt und womög­lich als der Nach­komme eines anderen gilt, wäh­rend Ihr selbst nahezu jede fremde Geburt an euch reißt. Denn Ihr habt den Raum flächen­deckend mit eurem Flui­dum überzogen, seid in jede Ritze vor­gedrun­gen, habt jeden Winkel zum Kriegs­schauplatz des Images erklärt, um jemand zu sein, der anderen mehr zu sa­gen hat als diese selbst wissen. Und den­noch werdet Ihr einem Irrtum nach dem an­deren erliegen, ohne je fähig zu sein, deren Entsetzlichkeit beizukom­men. Ihr werdet abkratzen wie die Idioten, wenn Ihr euch weiter darauf einlasst, das mit süßli­chem Ge­schmack verfeinerte Gift in euch aufzusaugen, das euch verspricht, hier lauern und erwarten euch die Chan­cen, auf die Ihr immer gewartet habt, die Chancen, die letztlich nie eure Chancen sein werden, da dieses Gift nur auf eines aus, nämlich auf das, eure letztlich verbleibenden Kräfte und Säfte aus­zu­saugen für die Säfte einer ande­ren Kraft, die nie die Eure sein wird. Wes­halb es also schon längst an der Zeit ist, die Unter­haltung mit euch an dieser Stelle für immer abzubre­chen.

 

Russisch/Deutsche Überarbeitung: Anna Wien